Mitwohnzentrale einst / Mitwohnzentrale heute
In der Betrachtung der europäischen Immobilien-Märkte fällt auf: Es gibt keinen eigenen Begriff für den Zweig der möblierten Objekte. Nicht in Deutschland, nicht in Frankreich, nicht in Italien.
Wozu auch? Randerscheinungen oder unbedeutende Segmente brauchen keine eigenen Titel. Allerdings hat sich die Lage beim Thema "möbliertes Wohnen" in der letzten Dekade grundlegend geändert.
Die Berufswelt (als wirtschaftlicher Untergrund) wurde auch in Europa einem tiefgreifenden Wandel unterzogen. War die Versetzung in eine andere Region in den 80ern eher der Ausnahmefall, so zählt sie heute zur Regel.
Besonders: In den jungen Technologie-Branchen.
Die Gründe für den Ortswechsel sind vielfältig: Wegen eines Projektaufenthaltes, wegen einer vorläufigen oder endgültigen Versetzung, wegen einer Unternehmenskoopereration, einer Fortbildung, einer Firmenexpansion usf. National und international.
Doch wie dem auch immer sei: In den weitaus meisten Fällen besteht der Bedarf nach möbliertem Wohnraum. Die Palette reicht (je nach wirtschaftlichem Hintergrund) vom Zimmer bis zum Penthouse (die Notwendigkeit eines Ortswechsels macht schließlich vor der Chefetage nicht halt).
Daß sich an der beruflichen Dynamik der modernen Wirtschaftswelt etwas verändert, steht dabei kaum zu vermuten. Im Gegenteil: Alles spricht eher für eine steigende Intensität.
Das Resultat: Die möblierte Immobilie gewann unversehens an Bedeutung - und zwar ohne daß sich ein Marktbegriff traditioneller Herkunft hätte etablieren können. Besetzt wurde die Stelle für die Vermittlung möblierter Objekte trotzdem.
Doch ausgerechnet durch den Begriff der "Mitwohnzentrale".
Die Irritationen sind an dieser Stelle erfahrungsgemäß groß. Wenngleich auch andererseits nicht tragisch. Begriffsbedeutungen sind in einer lebendigen Sprachgemeinschaft von je her eine plastische Angelegenheit.
Insofern entfernen sich Worte nicht selten sehr weit von ihrem Ursprung. Sie gehen gewissermaßen ihre eigenen Wege. Zum Teil so weit, daß nichts mehr an ihren Ausgangspunkt erinnert.
Auch im Begriff der "Mitwohnzentrale" spiegeln sich die Spannungen von Geschichte und Gegenwart eines Wortes. Genauer: In ihnen spiegeln sich gewissermaßen 2 Extreme:
1. der Praxis von einst (Mitte der 80er Jahre, Anfang der 90er) und 2. den heutigen Gegebenheiten (wenigstens bei den modernen Agenturen).
Beginnen wir Mitte der 80er. Ein paar findige Menschen kamen damals auf die Idee:
Wenn sich "Mitfahrgelegenheiten" vermitteln lassen - warum nicht auch "Mitwohngelegenheiten"? Sprich: Jemand braucht für eine bestimmte Zeit möblierten Wohnraum in Stadt XY - und ein anderer hat genau diesen übrig (z.B., weil er für ein halbes Jahr in die USA geht).
Man mußte die beiden nur noch zusammenbringen... Und siehe da: Es funktionierte.
Das Prinzip gilt auch heute noch. Wenngleich sich im Detail so ziemlich alles verändert hat. Anbieter und Nachfrager von heute dürften nur noch schwer mit ihren Vorgängern zu vergleichen sein. Ebenso wie die Arbeitsweise der meisten Agenturen.
Denn es ist nun einmal, wie es ist: Idee und Ursprung verdanken sich einem gewissen Zeitgeist. Genauer gesagt, sie hatten einen "lebensweltlichen Touch". Lockerer Sprachkodex, studentische Ausrichtung, weitgehende Abwesenheit von Regeln.
Für die damaligen Verhältnisse dürfte dies auch gereicht haben. Das Standard-Angebot? In der Tat vermutlich WG-Zimmer. Und die Nachfrage? Konzentrierte sich wohl auch auf eine studentische Klientel.
Jedenfalls war "locker" unbedingte Pflicht. Wenn etwas schief ging? Nicht weiter tragisch. Pannen wurden schnell verziehen, Professionalität galt jedenfalls als "igitt".
Freilich: die Idee war zu gut, um als Zeitgeistphänomen zu enden. Obgleich damals vermutlich niemand ahnen konnte, welche Potenz in dem System steckt. Denn im Prinzip wurde ein Markt angesprochen, der 1. eigentlich schon immer existierte (wengleich als seltene Sondersparte der allgemeinen Immobilien-Wirtschaft) und der 2. (seit Anfang der 90er) einem rapiden Wachstum ausgesetzt ist: Die Branche der Möbliert-Vermietung.
Wie bereits erwähnt, erklärt sich das entsprechende Potential erklärt sich aus der Flexibilisierung unserer Arbeitswelt. Innerhalb von Deutschland, innerhalb von Europa, innerhalb der Welt. Die Märkte und Branchen sind gewissermaßen enger zusammengerückt. Global, aber vor allem auch: Innerhalb unserer Rupublik. Die Folge: Die Arbeitswelt dreht sich schneller, die örtliche Statik wankt.
Und wie's nun mal so ist: Wo die Nachfrage wächst, stellt sich automatisch auch das Angebot ein. Eine moderne Agentur rekrutiert das Gros ihrer Objekte schon lange nicht mehr aus privaten "Gelegenheitsüberlassungen" (Personen, die ihren eigenen Mietwohnraum wegen vorübergehender Abwesenheit untervermieten). Das Schwergewicht liegt hier eindeutig bei Dauer-Anbietern (Personen, die bestimmte Objekte einfach möbliert vermieten - Motto: Mieter A geht, Mieter B. kommt).
Zwar gab es auch die zweite Gruppe schon vorher (wenngleich nicht in der heutigen Größenordnung) - doch ihr fehlte gewissermaßen der spezifische Ansprechpartner. An welche Art Agentur sollte man sich mit einem Möbliert-Objekt wenden? Immobilien XY? Zumeist lag man da wohl verkehrt. Heute haben sich die Verhältnisse weitgehend geklärt. Die "Dauer-Anbieter" haben unter dem Stichwort des "Mitwohnens" ihre natürlichen Ansprechpartner gefunden. D.h.: Agenturen, die sich auf Möbliert-Vermittlungen spezialisiert haben.
Einige "Mitwohn-Zentralen" haben begriffen, daß sie hier geradezu auf einer Marktlücke saßen. Einzige Erfordernis: Der alternative Touch mußte weg. Doch so sonderbar es klingen mag: Das eingebürgerte Stichwort konnte man nicht einfach ersetzen. Schließlich entwickelten sich die Studenten von einst längst zu Ärzten, Rechtsanwälten und Unternehmensberatern. Und die rufen nach wie vor bei der "Mitwohn-Zentrale" an. Früher wegen einem WG-Zimmer, heute wegen einem Penthouse. Da man soche Multiplikatoren aber nicht ohne weiteres aufgibt, folgte der Name weitgehend der Traditon. Trotz der irreführenden Konnotationen.
Die Bezeichnung ist also geblieben. Doch das, wofür der Name steht, dürfte sich radikal gewandelt haben (wenigstens bei den modernen Agenturen). Schließlich zählt hier Siemens genauso zur Stammkundschaft wie das Auswärtige Amt. Und hier wird vorausgesetzt, daß das System funktioniert. Schnell, sicher und reibungslos.
Das "laissez faire" der Gründerzeit ist keine gute Voraussetzung mehr. Jedenfalls nicht für die beschriebene Dienstleistung.
Der allgemeine Imagewechsel war insofern nur konsequent. Wobei die Devise in Bezug auf den Nachfrager auf einen relativ einfachen Nenner zu bringen ist. Der lautet schlicht: Mehr Service, mehr Präzision, mehr Sicherheit.
Eine moderne "Mitwohnzentrale" ist insofern ein hochgradig entwickeltes Vermittlungssystem. Zwischen einer herkömmlichen Makelei und Systemen wie e-rent dürften Welten liegen. Dazu müssen wir keine langen Reden schwingen - dazu reicht ein Blick in die Angebots- und Fotodateien. Und der Paradoxie des Begriffes entsprechend: Es das System einer "Mitwohnzentrale".
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